United States of America

Die Metal-Masken des Schreckens

Veröffentlicht am 14 / 11 / 11 | Kommentare / 0

Nader Sadek wurde in Ägypten geboren, aber lebt und arbeitet heute in New York, wo er Masken für Attila Csihar—Sänger von Mayhem—und alle anderen, die ihr Publikum erschrecken wollen, herstellt. Außerdem schreibt und macht Nader auch eigene Musik, inszeniert spektakuläre Live-Performances, entwirft T-Shirts, erschafft einen Haufen Kunstwerke, die nichts mit Masken zu tun haben, und er war häufig als Bühnenbildner tätig. Er ist ein ziemlich produktiver Kerl, also habe ich mich mit ihm über einige seiner Arbeiten unterhalten.


VICE: Hey, Nader. Warum hast du angefangen, Masken herzustellen?
Nader Sadek:
Also, ich bin in Ägypten aufgewachsen und mit der Zeit wurden die Dinge immer konservativer, was letztendlich dazu geführt hat, dass die meisten Frauen in Kopftücher gehüllt sind. Das war ungewöhnlich, als ich aufgewachsen bin. Die meisten Frauen trugen einen Hijab, der ihre Haare bedeckte, aber Mitte der 90er fingen viele Frauen an, einen Niqab zu tragen, der sie ganz verschleiert. Es sind natürlich nicht alle Frauen in Ägypten verschleiert, aber es ist sehr gängig geworden, was viel über unsere Kultur aussagt. Meine Eltern sind Christen, also habe ich auch Nonnen gesehen, die eine Art Schleier tragen. Es war nicht ausschließlich etwas Muslimisches, aber es hat viel über die Umstände in Ägypten ausgesagt.

Was, das Gesicht zu bedecken?
Ja, warum müssen wir uns verhüllen? Warum verstecken wir uns vor anderen? Warum vertrauen wir uns nicht gegenseitig? Masken leiten andere in die Irre. Stellen sie unser Innerstes dar oder das, was wir sein wollen? Ich war schon immer von dem Geheimnis einer Maske fasziniert, denn selbst wenn von ihr nur beabsichtigt wird, etwas zu bedecken, legt sie eine neue Dualität dar.


Steve Tucker von Morbid Angel trägt in dem Video für "Sulffer (In the Flesh)" eine von Saders Masken.

Wie kam es dann von diesen Gedanken zum Anfertigen von Masken für Metal-Musiker? Das scheint ein ziemlicher Sprung zu sein.
Naja, ich bin von Kairo nach New York gezogen und habe weiter an einem Projekt namens Faceless, mit dem ich in Ägypten angefangen hatte, gearbeitet. In Ägypten bin ich als Metalhead rumgelaufen—das volle Programm, lange, dichte Haare, die mein Gesicht bedeckten, einen langen Ziegenbart, schwarze Deicide-Shirts, usw.—und es hat die Menschin dort so sehr eingeschüchtert, dass ich in einigen Gegenden der Stadt nicht mehr sicher war, weil ich als Satansverehrer abgestempelt wurde. Als ich nach New York gezogen bin, wollte ich versuchen, dort die gleichen Reaktionen zu erzeugen. Also habe ich mich mir einen Niqab angezogen, bin am Times Square und Herald Square herumgelaufen und in Konfektionsgeschäfte wie Victoria's Secret gegangen. Die Angestellten in den Läden hatten keine Ahnung, wie sich mich behandeln sollen. Es gab sehr viel Unbeholfenheit.


Attila Csihar.

Aber trotzdem immer noch keine Masken.
Haha, nein. Aber ich habe eine Reihe von Zeichnungen angefertigt, die auf den Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, basieren. Das hat mich zu der Idee von Masken, Darstellung und Selbstprojektion geführt.

Na also.
Später habe ich unter anderem Attila Csihar getroffen, Sänger von Mayhem und Sunn O))) und wir haben viel geredet. Anfänglich wollte ich einfach nur Abdrücke von den Gesichtern von Menschen, die ich getroffen habe, machen, um ein Andenken von ihnen zu haben.

Wow, tiefgründig. Wessen Gesichter hast du gemacht?
Zu diesem Zeitpunkt habe ich von fast all meinen Freunden, meiner Mutter und einigen meiner Verwandten Abdrücke gemacht. Dann von Steve Tucker, dem ehemaligen Frontmann von Angel, von Trym, Drummer von Emperor und von Stephen O'Malley von Sunn O))), und so habe ich Attila kennengelernt. Wir haben uns viel über Masken unterhalten und ich habe ihm angeboten, etwas für ihn zu machen, aber er war sich nicht sicher, weil er nichts wollte, das diesen Halloween-, Slipknot-Maskencharakter hat, oder etwas zu Wiedererkennbares. Im Vergleich dazu sind meine Masken ziemlich abstrakt und emotional, also habe ich ihm eine gemacht und nachdem er eine Show damit gespielt hatte, war er total aufgeregt und fragte mich sofort, ob ich ihm noch zehn Stück machen würde, so fing das an.

Cool. Eine Menge deiner Masken sehen ziemlich dämonisch aus und von einigen könnte man denken, das Fleisch schält sich vom Gesicht ab, warum?
Ich weiß es nicht, ich lasse die Chemikalien einfach machen—das ist irgendwie reinigend. Ich denke immer an die Person, also wird es selbstverständlich oft eine Art Interpretation von ihr. Einmal habe ich für Attila eine Maske von seinem eigenen Gesicht gemacht habe und er hat sie dann in diesem typischen schwarzen Corpsepaint angemalt, das die ganzen Metal Bands momentan tragen. Ich denke, das war ein genialer Zug von ihm, weil es die Leute noch mehr verwirrte. Ich habe sie ein bisschen zerstört und vernarbt aussehen lassen, als er dann die Farbe aufgetragen hat, wurden diese Narben noch mehr betont und das Publikum konnte nicht mehr unterscheiden, ob er eine Maske trägt, oder nicht.

Das hört sich angemessen böse an. Hast du jemals glückliche Masken gemacht?
Haha, ich kenne keine glücklichen Menschen und niemand der glücklich ist, hat mich bisher gefragt, ob ich ihm eine mache. Obwohl, ich habe eine Maske für Andrew WK gemacht—der immer am Feiern ist—und er wollte eine übertrieben realistische Maske seines Gesichts mit exakt den gleichen Stoppeln, dem gleichen Muttermal usw. haben, sodass ich jedes einzelne Haar in sein Kinn hineinstecken musste. Konzeptionell dachte ich, dass es eine großartige Idee ist, weil es für ein Video für den Song „I'm A Vagabond“ war. Im Text geht es darum, dass die Leute niemals fähig sein werden, ihn zu ergründen. Ihn eine Maske von sich selber tragen zu lassen, war also die perfekte Art, das symbolisch rüberzubringen.


Ein Gesichtsabdruck von Naders Mutter aus seinem Paradox Complex-Projekt.

Hast du schon einmal an den sexuellen Aspekt von Masken gedacht? Kürzlich habe ich mit einem Typen gesprochen, der auf Female Masking steht. Da tragen Kerle Latexmasken von Frauengesichtern, um sich aufzugeilen.
Nein, aber das erinnert mich an eine Episode von Tales From The Crypt, wo diese Frau Männer auf Halloweenpartys trifft, sie verführt und sie Sex haben. Weil es Halloween ist, denkt der Typ, dass sie eine Maske trägt und versucht, sie abzureißen, aber es stellt sich heraus, dass es ihr echtes Gesicht ist, das wie eine Halloween Maske aussieht. Das ist ziemlich finster.


Nader vor und nach seinem Faceless-Projekt.

Ich kann mir einige der Masken gut in einem Haute Couture-Kontext vorstellen. Verfolgst du überhaupt Mode oder irgendwelche Designer?
Ja. Manchmal bin ich neugierig und schau es mir an. Wenn ich ein Modemagazin in der Hand habe, blättere ich es durch. Wenn ich etwas sehe, das mir gefällt, versuche ich mir die Namen der Designer zu merken, sodass ich mich hinterher über sie informieren kann. Ich bin eher an den verwendeten Materialen interessiert, woraus zum Beispiel bestimmte Frauenschuhe hergestellt sind. Einige Designer haben ein extrem hohes Budget und können sich diese ganzen verlockenden Materialien leisten.


Attila Csihar.

Hast du jemals erwogen, passende Kleidung zu den Masken herzustellen?
Ja, Ich habe zwei Anzüge gemacht—einen für mich und einen für Rune von Mayhem, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob er ihn jemals tragen wird, weil er in der richtigen Umgebung getragen werden muss. Ich trage meinen Anzug normalerweise in meinen eigenen Performances. Er ist eine Mischung aus einem militärischen Kommandantenanzug und einem eleganten königlichen Anzug, die ich beide zerschnitten und hinten zusammen genäht habe. Er repräsentiert eine Art imaginären Diktator und ich trage ihn nur mit meiner Haarmaske, die ich für den Hauptdarsteller in meinem konzeptionellen Album/Video In The Flesh verwende.


Carmen von Ava Inferi.

Wie wichtig sind dir die Masken in deiner eigenen Musik und deinen Performances?
Sie sind sehr wichtig. Mit ihrer Hilfe ergibt sich ein vollständigeres Bild von den Charakteren, die ich wohl live als auch in Videos versuche, darzustellen. Ich denke, es ist für jeden Musiker ziemlich wichtig, sein Image eine Geschichte erzählen zu lassen. Ich mag die Band Portal aus Australien sehr. Ihr Sound und ihre Erscheinung sind so einzigartig und alle Mitglieder tragen schwarze strumpfähnliche Masken. Der Sänger trägt eine Kette mit einer Uhr und ich denke, dass Zeit eine wesentliche Rolle im Death Metal spielt.

Was wäre also die ultimative Maske?
Ich würde gerne Masken aus lebendigem Gewebe machen—Gewebe, das lebt, atmet und geklont ist. Und Skulpturen aus geklontem, menschlichem und tierischem Gewebe, das mit Nährstoffen am Leben gehalten wird. Es wäre toll, Maschinen, wie z.B. einen Automotor, in einen Motor aus Fleisch, Muskeln und Knochen zu verwandeln. Dieser müsste dann auch mit Nährstoffen betrieben werden, damit sich die Muskeln bewegen und er in Gang kommt.

Das hört sich nach dem großartigsten und widerlichsten Scheiß aller Zeiten an.


JAMIE CLIFTON