DER WANDERVOGEL

Veröffentlicht am 25 / 3 / 11

Text Jon Savage

Illustration Johnny Ryan

Du dachtest, dass Jugendkultur nach dem zweiten Weltkrieg anfing – aber das stimmt nicht. In Wirklichkeit geht die Geschichte zurück bis ins späte 19. Jahrhundert, als urbane Gangs in Amerika und Nordeuropa mit ihrem Verhalten und ihren Klamotten die Aufmerksamkeit der schockierten Presse auf sich zogen: die Hooligans in London, die 'Aachen' in Paris, die 'Scuttlers' in Manchester und die 'Hudson Dusters' in Manhattan.


Diese Kids sahen ihren extravaganten Kleidungsstil und ihr schlechtes Benehmen von einem wachsenden Medieninteresse reflektiert, waren aber in keinster Weise ideologisch. Eine andere Gruppe verhielt sich anders: Beginnend in Deutschland während des frühen 19. Jahrhunderts, verweigerte sich 'der Wandervogel' der Gesellschaft des beginnenden Materialismus, der Konsumkultur und der Massenproduktion, um sich mit dem Volkstum zu beschäftigen und durch ländliche Gegenden zu wandern.


Nach dem ersten Weltkrieg teilte sich der Wandervogel in mehrere verschiedene Splittergruppen – angefangen bei den Früh-Hippies der Ascona-Kommune bis hin zu dem proto-faschistischen Weißen Ritter.  Nach dem großen Crash 1929 ging Deutschlands Wirtschaft den Bach runter und – genau wie heute – hatte die Jugend unverhältnismäßig stark darunter zu leiden. Eine halbe Million Jugendliche wanderten als hoffnungslose Landstreicher durch die Gegend.



Was als selbstgewählter Lebensstil angefangen hatte, wurde pure und unerbittliche Notwendigkeit. In dieser verzweifelten Situation überschritten viele Jugendliche die Grenze zur Kriminalität. Eine der bizarrsten Gruppierungen wurde von der investigativen Journalistin Christine Fournier 1930 in Berlin entdeckt und Ring-Banden nannte. Sie versinnbildlichte ihre Haltung mit der Phrase „Hass auf die Gesellschaft“.


Fournier verfolgte ihren Ursprung zurück zu einer traditionell innerstädtischen Gruppenmentalität, die von einem Jahrzehnt politischer Polarisierung, Faschismus und Kommunismus vergiftet, und durch massive Arbeitslosigkeit verstärkt wurde. Ein Jahr nach dem Crash lebten ca. 14.000 verwilderte Kids zwischen 14 und 18 in den verwahrlosten Stadträndern Berlins (Gegenden, die von einem „Ring“ aus Straßen umgeben waren, deshalb der Begriff). Heimatlos und von der erwachsenen Gesellschaft verlassen, organisierten sich die Kids in Banden mit blutrünstigen Namen mit oftmals indianischem Ursprung - wie zum Beispiel 'Blut der Trapper', 'Rote Apachen', 'Schwarze Liebe', 'Schwarze Flagge' oder 'Piraten des Waldes'. Sie sicherten ihr Überleben mit Verbrechen wie kleinen Einbrüchen, Diebstahl und Prostitution – beide, Mädchen und Jungs.


All das war der übliche Standard für jugendliche Gesetzesbrecher in Europa und Amerika – das außergewöhnliche an den Ring-Jugendbanden war ihre reine Zahl und die bemerkenswerte Organisation ihrer sozialen Strukturen. In den späten 20ern hatten sie sich zu einer großen Vereinigung zusammengetan und in geografische Zonen aufgeteilt (z.B. der Südring, der Nordring) und wurden von einem „Ring-Bullen“ angeführt.

 

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